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Freitag, 12. März 2021

Die Nahosthilfe der EKM im Irak

 „Der IS ist zwar auf dem Schlachtfeld besiegt und aus Mossul vertrieben aber nicht in den Köpfen“ – so sagte es der Erzdiakon der Assyischen Kirche des Ostens Emanuel Youkhana zu mir. Youkhana leitet die größte christliche Hilfsorganisation CAPNI im Irak mit Sitz im kurdischen Dohuk im Nordirak. Als im August 2014 der IS Mosul einnahm, flohen zuvor zehntausende Bewohner aus der Stadt und der Region. Christen sagten: Uns nahmen sie Geld und alles, was wir auf der Flucht bei uns hatten. Sie plünderten unsere Häuser, die sie vorher sichtbar mit dem arabischen Nun für „Nazarener“ zeichneten, so dass jeder wußte hier könnt ihr Euch bedienen. Aber sie haben uns am Leben gelassen, uns ziehen lassen. Doch die Jeziden- auch eine religiöse Minderheit im Nordirak- wurden noch an Ort und Stelle oder an den Checkpoints erschossen.

Aus Bartella, einer christlichen Vorstadt Mosuls, flohen damals binnen kürzester Zeit 80.000 Christen verschiedener Konfessionen. Nur 1700 von ihnen sind aktuell dorthin wieder zurückgekehrt. Was sie vorfanden, ist nicht gerade ermutigend. Bevor der IS abzog, sorgte er mit aller Gründlichkeit dafür, dass eine Rückkehr der Vertriebenen nahezu unmöglich gemacht wurde. Kirchen, Häuser, Schulen, die gesamte Infrastruktur wurden zerstört und geplündert. Schlimmer noch als dieser katastrophale materielle und kulturelle Verlust wiegt jedoch, dass es für Rückkehrer noch immer keine Sicherheit gibt. Jetzt haben neue Herren das Sagen. In Bartella sind es die Shabaks, auch eine Minderheit im Religionsgefüge des Landes.  Sie stehen dem shiitischen Islam nahe. Aber anders als die Christen zögerten sie nach dem Abzug des IS nicht, umgehend zurückzukehren und das dortige Machtvakuum zu nutzen, um von einer unbedeutenden Minderheit zur tonangebenden Mehrheit in dieser Region aufzusteigen. Im Post-IS-Zeitalter besetzen heute Shabaks sicherheitsrelevante Schlüsselpositionen in der Stadtverwaltung, ihre Miliz kontrolliert die Checkpoints zur Stadt. Dort vertreten sie die Interessen der irakischen Zentralregierung und bilden einen politischen Gegenpol gegenüber den Autonomiebestrebungen Kurdistans.

Immer wieder beklagen christliche Rückkehrer in Bartella, wie angespannt die Stimmung in der Stadt ist. Die einen kommen aus ihrer Opferrolle nicht raus, die anderen spielen sich auf als die neuen Herren. Shabaks blockieren die Rückgabe von Eigentum und Entschädigungen. Christen fehlt der Mut und das Selbstvertrauen für ihre Rechte einzutreten, zumal sie ja nicht so eine einflußreiche Lobby wie den Arm der irakischen Zentralregierung hinter sich haben.

Doch eigentlich stehen sich in Bartella zwei Minderheiten unversöhnlich gegenüber. Denn die Mehrheit der Bevölkerung im Nordirak und der Niniveebene ist weder christlich, jezidisch oder shiitisch, sondern es sind kurdische- oder arabische Sunniten. Viele von ihnen laufen noch immer als Täter und Mitläufer frei herum. „Es waren ja auch Nachbarn, und man kennt sich. Selbst wenn dort nicht mehr gekämpft wird. Würdest Du zurückkehren, zurück in dein Haus, auf dein Feld, an deine Arbeitsstelle, wenn Du weißt, dass dein Nachbar von nebenan, dich damals ans Messer geliefert hat? Ich nicht.“ - so sagen es Christen und Jeziden unisono. Der Staat hingegen ist bestrebt, die sunnitische Mehrheitsbevölkerung für sich zu gewinnen als sich um die Belange von Minderheiten kümmern zu müssen.

Bis heute trauen sich viele der ehemals vertriebenen christlichen Familien nicht zurück in die unter Kontrolle des irakischen Staates und ihrer verbündeten Milizen stehenden arabischen Gebiete. Wer doch geht und es sich leisten kann, behält die Wohnung in Ankawa oder Dohuk quasi als Rückversicherung, wenn‘s ja mal wieder zu brenzlig werden sollte. Es gibt keine christliche Familie, die mittlerweile nicht auch Verwandte irgendwo im Ausland haben.  In hoher Zahl haben Christen ihre angestammten uralten Siedlungsgebiete im Land von Abraham und Jona verlassen. Dabei begann ihr Exodus nicht erst mit dem Siegeszug des IS 2014 sondern viel früher noch zu Zeiten Saddam Husseins. Vor Jahrzehnten sollen im Irak noch mehrere Millionen Christen gelebt haben. Optimistische Schätzungen gehen derzeit von nur noch 250.000 aus. Längst gibt es mehr orientalische Christen aus dem Irak in Detroit, Stockholm und Melbourne als in den ehemaligen Hochburgen im Norden des Irak.

Seit 2019 unterstützt die EKM in Zusammenarbeit mit der Nordkirche den Aufbau und Bildungsprogramme eines soziokulturellen Begegnungszentrums, das von CAPNI in Bartella initiiert wurde. Nur Häuser und die Infrastruktur wieder herzustellen ist das eine - es braucht auch Orte der Begegnung, der Versöhnung, des gegenseitigen Sich Wahrnehmens, des Voneinanderlernens und Wertschätzens. Orthodoxe und Shabak, Christen und Muslime kommen im Community Learning Centre (CLC)  zusammen, teilen bei Schulnachhilfe gemeinsam eine Schulbank, belegen Englischkurse, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen.

Sie nutzen die Möglichkeit von praktischen Trainingsprogrammen zum Einstieg in den Arbeitsmarkt oder nehmen in Zeiten der Pandemie psychosoziale Unterstützungsangebote und Fortbildungen im Bereich der Gesundheitsvorsorge wahr. Kinder werden im children-friendly space pädagogisch betreut.

Es gibt musisch-kulturelle und sportliche Angebote für verschiedene Altersgruppen. Die Feste, Vorführungen, Sport-Events sollen das soziale Zusammenleben der Stadt bereichern. Gerade in den letzten 1,5 Jahren wurde es immer wichtiger, das auch Advocacy-trainings in Zusammenarbeit mit lokalen Kirchen für Christen der Region aufgelegt werden, damit ihre Stimmen bei dramatisch abnehmenden Zahlen überhaupt noch gehört werden.

Seit Corona ist vieles anders. Präsenzunterricht wurde durch Onlineunterricht ersetzt. Der Bedarf an Kinderbetreuung ist sprunghaft angestiegen, ebenso der Bedarf an psychosozialer Betreuung, Beratung in Gesundheitsvorsorge und Hilfestellungen bei Jobverlust. Der Virus macht keinen Unterschied zwischen unterschiedlichen ethnischen oder religiösen Zugehörigkeiten. Lockdowns treffen eine Rückkehrer-Community besonders hart und wirft sie im Willen zu bleiben und auch „den Anderen“ im Blick zu haben, zurück. Zeitweise mußte das CLC seine Arbeit einstellen. Auch CAPNI konnte nur in Notbesetzung arbeiten, weil 16 Mitarbeiter selbst an Corona erkrankt waren.

Der Besuch des Papstes Anfang März 2021 inmitten der Corona-Pandemie gilt den Christen in der Region als Zeichen der Solidarität in diesen schwierigen Zeiten. Ob er auch über Bartella und das schwierige Zusammenleben von Shabaks und Christen in Bartella mit dem obersten shiitischen Führer Ali al Sistani gesprochen hat, ist nicht bekannt. Zu hoffen bleibt es aber. Auf jeden Fall war dieser Besuch wichtig für die Christen. Denn so wurden sie nach Jahren des Vergessens auf das nationale und internationale Tableau, zu den Politikern des Landes und zu den Religionsführern geführt.

Keep the hope alive. Erhalte die Hoffnung lebendig - das ist das Motto von CAPNI – der größten christlichen Hilfsorganisation im Irak. Seit 2015 unterstützt die EKM die christliche Hilfsorganisation im Nordirak: zunächst in Nothilfeprogrammen für christliche und jezidische Binnenflüchtlinge, seit 2017 in Stabilisierungsprogrammen im bildungsbezogenen- und pädagogischen Bereich. Unterstützen Sie diese notwendige Versöhnungsarbeit!

Pfr. Christian Kurzke

 

 

 

Donnerstag, 4. März 2021